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Fotoarchiv 1. Quartal
TVF - Athlet, Karl-Heinz Müller, am Start beim Baikalsee-Eis-Marathon am 05.03.2006

Ein Tagebuchbericht von Karl-Heinz Müller:
Im Oktober vorigen Jahres habe ich im Laufforum im Internet über den Baikalsee – Eismarathon gelesen. Und sofort wusste ich, das ist es, was ich schon lange gesucht habe.
Meine Frau musste ich nicht lange überzeugen. Die wollte schon immer mal so richtig in die Kälte. Also habe ich uns kurzerhand angemeldet. Ausgeschrieben war ein Marathon über den Baikalsee und anschließend konnte man noch optional ein paar Tage Urlaub dranhängen. Was wir auch getan haben.
Die Dinge, die so alle im Vorfeld gelaufen sind klammere ich jetzt einfach mal aus, das würde den Rahmen sprengen und setzte den Startpunkt einfach mal bei unserer Ankunft in Irkutsk an.
Freitag, 03.03.06
Ankunft in Irkutsk um 9:15 Ortszeit. 5 Stunden Zeitverschiebung zu Moskau. Insgesamt zu Berlin also 7 Stunden. Das Terminal sieht aus wie eine Baustelle. Das Gepäckband erinnert mehr an ein Kinderkarussel. Beim verlassen des Terminals wird von einer Frau geprüft, ob jeder auch sein Gepäck hat. Bei uns klappte etwas nicht und wir müssen warten, bis alle ihr Gepäck hatten. Draußen sind ungefähr -10 Grad. Der Schnee liegt in großen Haufen vor der Tür. Der Bus wartet schon.
Keine Stunde später geht es los. Weit kommen wir nicht. Auf halber Strecke zwischen Irkutsk und Listvianka hält der Bus. Der Reifen vorne rechts hat einen Platten. Wir stehen draußen in der Sonne, knackige, trockene, kalte Luft. Nach ungefähr 45 Minuten bringt jemand ein Ersatzrad, das schnell montiert wird. Dann geht es weiter. Um 12:30 sind wir in unserem Hotel "U Osera" (Am See, 51°51´51,5´´N und 104°50´40,1´´O) angekommen. Das Hotel ist erst 2 Jahre alt, ein Holzbau, zweigeschossig. Erinnert eher an ein Motel. Wir bekommen ein Zimmer im Obergeschoss. Die Einrichtung ist spartanisch, aber sauber.
Zwischen 13:00 und 15:00 ist Mittag. Ein Schweizer Paar stößt noch zu unserer Reisegruppe. Sie sind mit der Transsib von Moskau nach Irkutsk gefahren. Jetzt sind wir komplett. Insgesamt 17 Männer und 4 Frauen. Um 15:00 Abfahrt zum Baikalseemuseum. Die kleine Ausstellung haben wir uns nach einer Stunde angesehen. Zurück gehen wir zu Fuß.
Unten am See, laufen wir über das Eis. Gegen 18:00 sind wir wieder am Hotel. Es sind ungefähr - 10 Grad. Schönes Wetter. Um 19:00 gibt es Abendbrot bei Kerzenschein. Der Strom ist ausgefallen. Es gibt Fisch.
Um 20:00 Besprechung über den Ablauf beim Marathon. Wir gehen zeitig ins Bett .
Samstag, 04.03.06
Gegen 8:30 aufgestanden. Gut geschlafen. Um 9:15 Frühstück. 2 Rührei, Käse, Salami, Brötchen, Butter, Marmelade, Saft, Kaffee und Tee. Das Frühstück zieht sich bis 10:00 Uhr hin. Draußen ist es sonnig, ungefähr - 5 Grad. Über Nacht sind 2 cm Neuschnee gefallen. Nach dem Frühstück gehen wir in das Dorf. Wir wollen eine Hundeschlittenfahrt machen. Das Paar, welche die Fahrt anbietet hat auch schon internationale Rennen bestritten. Die Hunde sind ganz aufgeregt. Sie wollen unbedingt laufen. Das erste Stück bergab sitze ich auf dem Schlitten. Unten wird getauscht. Jetzt darf ich den Schlitten führen. Es ist ein schönes Gefühl, fast lautlos durch den Schnee zu fahren. Die Hunde lassen sich leicht lenken.
Um 13:00 ist Mittagzeit. Es gibt Gemüsesalat, Fischsuppe mit viel Fisch, gegrilltes Kottelet mit Brot, Torte und Tee. Nachmittags fahren wir mit dem Kleinbus zum Wintersportzentrum. Den letzten Kilometer müssen wir zu Fuß gehen. Die Sonne ist verschwunden. Es wird kalt. Mit dem Skilift fahren wir auf den Berg. Bergab sieht man kleine Kinder wie die großen auf Ski fahren - ohne Stöcker! Wir stampfen durch tiefen Schnee zum Aussichtspunkt direkt oberhalb des Angaraabflusses.
Zurück gehen wir wieder über das Eis des Baikalsees. Es hat sich eine 2 Meter breite Spalte gebildet. Stefan Schlett, unser Extremsportler geht zum Eisbaden ins Dorf. Man hat extra für ihn, ein Loch in das Eis gesägt. Um 18:45 sitzen wir wieder in der Gaststube. Die Pastaparty fällt schmal aus. Ein Kalamarissalat, Schweinesteak mit wenig Spagetthi, Obst (Apfel und Apfelsine). Wir gehen um 21:00 zu Bett.

Sonntag, 05.03.06
Der große Tag. Schlecht geschlafen. Ständig wach geworden. Um 5:40 aufgestanden. Laufvorbereitung getroffen. Sachen zurechtgelegt. Empfindliche Stellen mit Heftpflaster beklebt. 6:15 Frühstück - normal, wie immer. Aber kein Wasser. Ein Glück, dass wir vorgesorgt haben. Zum Laufen habe ich meine winddichte Hose, 3 langärmlige Laufshirts und meine dickste Laufjacke angezogen. Auf den Kopf habe ich meine normale Laufkappe. Den Mundschutz lege ich mir um den Hals. Die dünnen Handschuhe werden eingepackt. Die Sonnenbrille ist ein muss. 7:15 Abfahrt mit den Kleinbussen. Wir sind rund 30 Marathonläufer. Am Hafen von Listvianka machen wir einen Stopp. Der Geist des Baikalsees muss mit einigen Tropfen Wodka besänftigt werden. Es gibt auch Leute die ihn getrunken haben. Dann geht es auf das Eis. Auf der Hälfte der Strecke ist ein Eispalast errichtet worden. Sogar mit Thron und WC. Kurze Pause.
Je weiter wir fahren, um so ruhiger wird es im Auto. Es wird uns so langsam bewusst, dass dies kein normaler Marathon wird. Gegen 10:00 Uhr erreichen wir die Nähe des Starts (51°33´43,8´´105°6´14,6´´). Wir werden registriert, bekommen unsere Startnummern (Nr. 2). Es werden Fotos geschossen. Bis zum eigentlichen Start müssen wir noch ca. 500 Meter durch tiefen Schnee marschieren. Das kann ja heiter werden. Die Sonne scheint, klarer Himmel, ca. - 10 Grad, Wind aus nördlicher Richtung. Ich lasse mir von Sigrid noch ihre Fäustlinge geben – Gott sei Dank. Vom Start gut weggekommen. Es läuft sich sehr schwer. Wie im tiefen lockeren Sand. Die Strecke ist mit Fähnchen markiert bzw. wir folgen der Fahrspur. Nach 4 km steht Andreas Kiefer am Hoovercraft. Ich hatte geglaubt, schon die doppelte Strecke gelaufen zu sein. Nach ungefähr 8 km steht der erste Verpflegungsbus. Es wird warmer Tee und Trockenobst gereicht. Die ersten 10 km sind sehr schwer. Ich bekomme kalte Daumen. Wenn wir gegen den Wind laufen, wird es sehr kalt. Ziehe ich den Mundschutz hoch, beschlägt mir sofort die Brille. Die ersten Kilometer laufe ich mit den Geschwistern aus Dresden. Ich lasse es ruhig angehen. Der Weg ist das Ziel. Die Beschaffenheit des Untergrundes wechselt ständig. Mal ist es glatt, mal läuft man durch zerfahrenen Neuschnee. Wenn man über die feste Schneedecke läuft kann man Glück haben oder auch nicht. Dann bricht man durch die obere Decke und es kostet Kraft, die Füße wieder herauszuziehen. An der 2. Verpflegungsstelle, ungefähr bei km 16 lasse ich mir Zeit. Das Dresdner Geschwisterpaar ist schnell wieder weg. Ich trinke in Ruhe meinen warmen Tee und probiere die getrockneten Aprikosen. Dann geht es gemächlich weiter. Ich werde überholt - was soll´s. Ich habe mein Tempo gefunden. Lästig ist es nur, wenn einem der Wind ins Gesicht bläst. Dann ist es in den Wangen, als ob jemand mit Nadeln sticht. Bis zur nächsten Verpflegungsstelle, am Eispalast, ungefähr bei km 24, vergeht die Zeit sehr schnell. Sigrid wartet auf mich und reicht mir die Verpflegung. Als ich weiterlaufe, sehe ich ca. 50 m vor mir Fred und einen der Stein - Brüder. Ich erhöhe das Tempo ein wenig und bald bin ich ran. Vor uns weit weg ein paar kleine Gestalten zu sehen, hinter uns ebenso. Man kann die Entfernung nicht schätzen. Es fehlen Anhaltspunkte. Hinter uns die Berge sind kaum noch zu sehen. Vor uns treten die Berge immer deutlicher hervor. Aber man läuft und läuft und sie kommen nicht näher. Nach 1 - 2 km erhöht der Stein - Bruder sein Tempo. Ich beschließe, bei Fred zu bleiben, der schon kämpfen muss. Mir geht es überraschenderweise gut. Ungefähr bei km 28 ist Fred kaputt. Ich biete ihm aus meiner Thermosflasche Apfelschorle an und nachdem er sein Gel heruntergeschluckt, geht es ihm etwas besser. Auf einmal wissen wir nicht mehr, wie wir weiterlaufen sollen. Die Fahrspur, der wir die ganze Zeit gefolgt sind biegt nach rechts ab. Weit vorne fährt ein Kleinbus und ist auch ein Läufer zu sehen. Aber links sind Fahnen in einer Linie schnurgerade in Richtung Hafen von Listvianka ausgesteckt. Wir beschließen den Fahnen zu folgen. Das war schließlich bei der Einweisung so abgesprochen worden. Nach einigen Minuten fährt der Kleinbuss in unsere Richtung. Er hat wohl gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Nach 5 Minuten erreichen wir ihn. Es ist die letzte Verpflegungsstelle und soll bei km 36 stehen. Im Bus sitzt Jens und kann nicht mehr. Wir reden ihm gut zu. Er soll eine kleine Pause machen und dann weiterlaufen. Warmen Tee gibt es leider nicht mehr. Nur noch Fruchtsaft. Ich nehme ein Gel, esse ein paar Aprikosen, trinke etwas und dann geht es geruhsam weiter. Fred hat Mühe, mir geht es gut. Langsam kann man die ersten großen Häuser von Listvianka sehen. Als wir am Ufer ankommen wissen wir nicht weiter. Es sind viele Menschen auf dem Eis und freuen sich des Feiertages und des schönen Wetters. Keiner nimmt uns richtig war. Zum Glück kommt bald ein Kleinbus mit dem Organisationsleiter, der uns den Weg weist. Jetzt sind es nur noch 2 km, die wir locker laufen. Am Ziel werden wir von unseren Begleitern mit Beifall empfangen. Nach 5 h 15 Minuten ist es vollbracht. Das war mit Sicherheit mein beeindruckenster Marathon. Ich habe mich noch topfit gefühlt und noch nicht einmal richtig geschwitzt. Sonst bin ich immer richtig durchgeschwitzt.
Die Läufer, die nach uns ins Ziel gekommen sind bin ich dann immer noch ein Stück entgegengelaufen und mit ihnen gemeinsam ins Ziel. Viele waren es nicht mehr ;-). Sogar Jens kam noch gelaufen und auch noch unser Ältester, ein 69 - jähriger Russe. Dann setzen wir uns in einen Kleinbus und 5 Minuten später sind wir in unserem Hotel. Es wird ausgiebig geduscht, warme Sachen angezogen. Um 16:45 Uhr sitzen wir alle ganz aufgedreht in der Gaststube. Es werden Sandwiches und Tee gereicht und wir diskutieren den Lauf. Um 17:20 geht es in den Saal des Baikalseemuseums zur Siegerehrung und Pressekonferenz. Der Treppenflur ist gruselig. Die Treppenstufen beschädigt, die Wände mit grüner Ölfarbe bemahlt. Ein Wachmann mit Tarnuniform, Schlagstock und Pistole bewacht den Aufgang. Siegerehrung. Gewonnen hat ein russischer Professor (49 Jahre), der auch schon im Vorjahr den Lauf gewonnen hatte. Die Zeit war wohl um die 4 h 10 min. Nach ihm kam gleich eine junge Frau ins Ziel, die wohl nur 5 Minuten länger benötigt hatte. Als dritter kam einer der Stein - Brüder ins Ziel. Bei der anschließenden Pressekonferenz wurden wir noch von einem
Pipelinevorhaben informiert, dass dicht am Ufer des Baikalufers entlang geführt werden soll, obwohl der ursprüngliche Plan eine weiter entfernte Trasse vorgesehen hatte. Man war aber nicht sehr optimistisch, was die Verhinderung der seenahen Trasse anging. Das Recht auf Mitbestimmung für solche Vorhaben geht in Rußland immer noch gegen Null. 19:15 Abendbrot in der Gaststube. Es gibt Gemüsesalat, Matjessalat vom Omul, Kaßleraufschnitt und auf 4 Personen eine Flasche Wodka. Nach diesem ersten Gang wird gegrillter Fisch und ein Törtchen gereicht. Dank des Wodkas ist die Stimmung schnell aufgelockert und es wird in deutsch – russischer Besetzung ein Kanon gesungen. Kathrina, unsere russische Reiseleiterin tanzt mit Andrej, unseren spätern Fahrer zu einem Zigeunerlied. Der Wodka fließt in Strömen. Gegen 23:00 gehen wir zu Bett. Der letzte Rest wird gegen 1:00 fast aus der Gaststube herauskomplimentiert.
Bis auf meine Frau und Fred fährt der Rest der Gruppe am nächsten Tag wieder nach Hause. Wir bleiben noch eine Woche am Baikalsee. Überqueren ihn noch mehrfach mit dem Schneemobil und dem Auto und lernen dabei auch ein Stück seiner Tücken kennen. Im nachhinein kann ich nur sagen, dass wir sehr viel Glück mit dem Wetter und dem Eis hatten. Aber das ist ein Kapitel für sich und ich muss sagen, die Reise hat sich gelohnt.
Karl-Heinz und Sigrid
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